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Willy Brandt stirbt
8. Oktober 1992
In seinem Haus in Unkel stirbt der frühere Bundeskanzler Willy Brandt an einem Krebsleiden. Noch bis kurz vor seinem Tod hatte er Besucher empfangen - einer der letzten war Bundeskanzler Helmut Kohl, mit dem er über seine eigene Trauerfeier spricht. Viele Bundesbürger in Ost und West trauern um den Staatsmann, mit dem sie die Erinnerung an den Aufbruch von 1969 verbinden, als erstmals ein Sozialdemokrat die Bundesregierung führte und in Anerkennung der machtpolitischen Realitäten einen neuen Kurs gegenüber den Ostblockstaaten einschlug.
Entsprechend groß ist die Anteilnahme der Berliner Bevölkerung, die am 16. Oktober im Rathaus Schöneberg Abschied von ihrem ehemaligen Regierenden Bürgermeister nimmt. Am folgenden Tag kommen Staatsmänner aus aller Welt zum Staatsakt im Reichstag. Willy Brandt, so Spaniens Ministerpräsident Felipe Gonzales in seiner Trauerrede, war “Deutscher bis ins Mark, Europäer aus Überzeugung, Weltbürger aus Berufung”. Willy Brandt wird auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof beigesetzt.
14. Juli 2010 06:31
Kleine Erinnerung an Willy Brandt
(als Politiker noch Persönlichkeiten waren)
Von Peter A. Bruns
Unser Willy, mein Willy Brandt, zur Zeit des Ersten Mai 1972. Verdammt lang, ver-dammt lang her… Ich war damals in Dortmund, mit meinem Freund auf Montage, im Thys-sen-Stahlwerk. Es herrschte eine kämpferische, virile Atmosphäre im Werk, das sich wie ein großer eigener Stadtteil Dortmunds ausdehnte. In den Kneipen, nahe am Werk, war die Em-pörung darüber, dass dubiose Kräfte Willy aus dem Amt hebeln wollten, auch noch nach dem gescheiterten Misstrauensvotum, sehr groß und schweißte uns Arbeiter zusammen. Am Tag vor dem Ersten Mai, beklebten wir die Plane unseres LKW mit Plakaten und Parolen wie: „Willy muss bleiben“ usw. Die Pförtner wollten und durften uns damit nicht ins Werk fahren lassen. Wir debattierten selbstbewusst mit ihnen und plötzlich waren wir umringt von vielen IG-Metallern und unter Jubel und Hochrufen, ließ man uns doch passieren. Natürlich hatte das später ein Nachspiel bei unserem Chef, der um seine Aufträge bangte.
Der Erste Mai 72 wurde zu einem großartigen Erlebnis für mich und meinen Kumpel. Wir marschierten gemeinsam unter den IG-Metall- Fahnen, mit den Stahlarbeitern zum West-falenpark, mit Willy, in einem Pulk von Arbeitern. Die Willy-Rufe sind mir noch im Ohr und wir alle zeigten freimütig, mit glänzenden Augen, unsere Zuneigung. Allen war seine Einma-ligkeit bewusst. Wir Arbeiter brauchten ihn. Er und kein anderer sollte unser Kanzler sein. Wir fühlten die drohende Gefahr nahezu körperlich, und kämpften vehement an seiner Seite.
Der „Extremistenbeschluss“ dämpfte später meine Begeisterung und ich verlor „mein Idealbild“ von Willy aus den Augen. Ich schrieb ihm sehr aufgebracht meine Ablehnung und warf ihm meine SPD-Mitgliedschaft sinnbildlich „vor die Füße“. Ich war damals um die 3o und „radikaldemokratisch“. Der Parteivorstand forderte darauf mein Parteibuch zurück. Ich weigerte mich und schwieg. Willy Brandt hatte sich noch durch einen Referenten an meinen damaligen Hamburger Ortsverein gewandt, der auch versuchte mich umzustimmen. Trotzig beharrte ich darauf im Recht zu sein.
Erst 1982/83 wandelte sich meine Einstellung und ich schrieb Willy dass ich damals wohl überreagiert hätte und ja nicht richtig ausgetreten sei, und nicht über alles informiert. Wie auch? Da ich mein Berliner Parteibuch behalten hatte, bekam ich eine sachliche Antwort von einem Referenten, der mich an meinen Ortsverein verwies. Aber in diesem Brief fand ich auch erstaunt, eine unterschriebene „Autogrammkarte“, auf die Willy noch drei Worte hinzu-gefügt hatte: Machs besser Peter. Doch das ist, wie jeder weiß, nicht so einfach. Heute bin ich achtundsechzig, acht Jahre älter als Willy damals.
Heute, 2010, möchte ihm nachrufen: „Du hattest kein Recht Willy, als du Felipe Gonzáles, vor deinem Tod sagtest: Es scheint, dass die Dinge ohne mich besser gehen…“
Nein, wahrhaftig nicht.
Peter A. Bruns
PS. 2007 bin ich aus der SPD endgültig ausgetreten.
8. Dezember 2010 04:19
Ich danke Willy Brandt aus der Tiefe meines Wesens, mit der Tiefe meines Seins für Alles, was er für uns Menschen, für die Menschlichkeit bewirkt hat. Für mich war er ein Realist und zugleich ein pragmatischer “Visionär”. Für mich gibt es wenige solcher Menschen in einem Jahrhundert – möglicherweise gibt es solche Menschen, solche Persönlichkeiten in einem Jahrtausend nur einmal pro Region/pro Staat. Für mich muss er in einem Atemzug mit konstruktiv wirkenden Menschen genannt werden wie Mahatma Ghandi, Nelson Mandela, Mikael Gorbatschow. Zu uns Menschen gehören unsere persönlichen, unsere menschlichen Schwächen, welche, wenn wir diese versuchen anzunehmen und zu integrieren, erst zu dem ‘machen’, zu dem ‘befähigen’, wer wir eigentlich sind und sein können. Wenn ein Mensch wie Herr Gorbatschow, Herrn Brandt im Sterbeprozess die ‘letzte’ Anerkennung persönlich aussprechen wollte, dann besagt dies genau, die Bedeutung der konkreten Schritte und die Bedeutung, welche Herr Brandt für Europa, ja für die ganze Welt hatte und noch immer hat. Immer noch gibt es soooo wenige Menschen, die wagen, sooo ohne Worte konstruktive Zeichen zu setzen. Wir Deutschen haben Herrn Brandt unermesslich viel zu verdanken. Haltet seinen Kniefall und auch seine Ostverträge auf immer in Ehren – nur wenige Menschen sind zu so etwas bereit und fähig. Alle Worte schweigen, haben zu schweigen, vor einer aufrichtig konstruktiv menschlichen Haltung & Handlung.
P.S.:
Als 5-jähriger sah ich den Kniefall von Herrn Brandt im Fernsehen – meine Reaktion dabei waren Tränen und Tränen sind dies heute noch;
jedesmal wenn ich diese zutiefst menschliche innere Haltung und äusserliche ‘Geste’ sehen darf.
An seinem Todestag war reine Dankbarkeit für diesen Schritt, für sein Wirken, für sein politisches und menschliches Lebenswerk, in all seinen Schatten und Höhen. Auch heute noch danke ich, dass es Menschen, wie Willy Brandt gab und gibt.
27. Dezember 2011 10:41
Als ich heute mehr beiläufig die Serie “60xDeutschland” im Sender “Phoenix” sah und die politischen Ereignisse in Deutschland des Jahres 1992 vorgestellt wurden, wurde mir wieder klar, dass der von mir mit Respekt gezollte Sozialdemokrat “Willy Brandt” (Stichwort: “Kniefall von Willy Brandt in Warschau 1970 vor dem Ehrenmal für die Helden des Warschauer Ghettos”) damals verstarb und ich mit anderen Brühlern spontan nach Bonn fuhr, um vor der damaligen SPD-Parteizentrale meine Trauer und meinen Respekt für diesen großen Politiker mit anderen zu teilen. In der Sendung wurde ein Ausschnitt der damaligen “Tagesschau” gezeigt, während der ich auch kurz (am 08.10.1992 war ich noch 20 Jahre jung) zu sehen bin. Seit 2009 bin ich nicht mehr Mitglied in der mich bitter enttäuschenden SPD.
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